Analogisieren

Analogisieren – was bedeutet das eigentlich in der Homöopathie?

In der Homöopathie wird der Begriff für die Suche nach Entsprechungen für die Symptome des Patienten in Arzneilehren und Repertorien benutzt. Es wird so die Arznei gesucht, die der individuellen Krankheit des Patienten entspricht, die Arznei, die das Symptomenbild des Patienten in der Arzneiprüfung gezeigt hat oder durch die Arznei bereits geheilt wurde.

Beim Tier ist das grundsätzlich entsprechende Vorgehen dadurch erschwert, dass es keine Arzneilehren und Repertorien für Tiere gibt. Für die Symptome des Tieres müssen also zunächst “menschliche” Entsprechungen gesucht werden und für diese dann wiederum Entsprechungen in Arzneilehren und Repertorien. Was tun, wenn es keine Entsprechung für ein Lokalsymptom beim Tier gibt? Wenn ein Verhalten ganz andere Gründe hat als beim Menschen?

Unterschiede zwischen Mensch und Tier und den Tierarten untereinander

Im Einzelfall kann die Suche nach Entsprechungen ganz schön knifflig werden. Vieles ist beim Tier ganz anders als beim Menschen. Anatomie, Physiologie, Krankheiten und Verhalten sind anders und unterscheiden sich auch noch nach Tierarten. Hand aufs Herz: Wer weiß schon, dass die Hautschuppe vom Hai und der Zahn des Menschen entsprechende Organe sind? Oder dass die Bauch- und Brustflossen der Fische den menschlichen Extremitäten entsprechen, nicht aber die anderen Flossen? Die Beispiele erscheinen vielleicht weit hergeholt, verdeutlichen die grundsätzliche Problematik aber hervorragend. Und wer weiß, vielleicht wird ja auch einmal ein Fisch zur Behandlung vorgestellt…

In der Praxis bedeutsamer ist es da schon, dass die Blinddarmentzündung des Menschen eigentlich gar keine Blinddarmentzündung ist (sondern nur eine Entzündung seines Fortsatzes) und dass man die Blinddarmprobleme der Pflanzenfresser beim Menschen (und in den Arzneilehren) vergeblich sucht, weil der Mensch sie nun einmal nicht hat. Auch in diesen Fällen sollten wir aber eine Entsprechung finden, da wir andernfalls das Tier nicht therapieren können. Auf der Ebene des Blinddarms werden wir sie allerdings nicht finden.

Ein anderes Beispiel für ein Übertragungsproblem ist die Kolik-Rubrik im Repertorium. Da sind tatsächlich nur Bauchschmerzen erfaßt. Die Pferdebesitzer unter Euch wissen aber, dass ein Pferd mit Kolik-Symptomen die verschiedensten Störungen anzeigt, die gar nichts mit dem Bauch zu tun haben. Diese Rubrik zu wählen bei einem Zahnproblem, nur weil das Pferd die typischen Kolik-Symptome zeigt, wird nicht zur Wahl des Similimums und damit nicht zur Besserung führen.

Es gibt immer einen Weg

Mit Wissen um die Problematik und Wissen über die zu behandelnde Tierart lassen sich viele Klippen bei der Analogisierung umschiffen. Einiges Grundsätzliche zu möglichen Übertragungen vom Speziellen zum Allgemeinen und zu zulässigen Verallgemeinerungen (siehe Bönninghausen und Boger und ihre Methoden der Repertorisation) bzw. eine andere Analyse der Symptome kann weiterhelfen, wenn es anscheinend keine entsprechende Rubrik für ein (Tier)symptom gibt:

Bönninghausen versuchte die Charakteristika der einzelnen Arzneimittel herauszukristallisieren und ging dazu auf die Suche nach Symptomen, die bei der jeweiligen Arznei in verschiedenen Organbereichen auftreten. Wenn ein Symptom (z.B. Entzündung, eine besondere Schmerzart/Empfindung, eine bestimmte Modalität) durchgängig in vielen Organbereichen auftritt, kann man es nach Bönninghausen generalisieren, d.h. auch auf Organbereiche beziehen, in denen es in der Arzneimittelprüfung überhaupt nicht aufgetreten ist. Durch diesen Analogieschluss können Symptome krankheitsunabhängig verwendet werden. Die Erkenntnisse von Bönninghausen bieten uns in der Tierhomöopathie entscheidende Vorteile, da wir dem einzelnen Organ (das es bei Mensch und Tier unter Umständen nicht entsprechend gibt) nicht mehr verhaftet sind.

Folgen wir Bönninghausen, kann es uns nicht mehr beunruhigen, dass wir die Blinddarmsymptome des Pferdes oder die Pansenprobleme des Rindes beim Menschen nicht finden. Wir suchen ein Mittel, das eine entsprechende Symptomatik an anderen Organen auszulösen vermag.

Analogisieren von Empfindungen und Gemütszuständen

Das Tier kann uns seine Empfindungen und seine Gemütszustände (Schmerz, Unwohlsein, Unruhe, Angst etc.) nur durch sein Verhalten komunizieren. Wir deuten das Verhalten hoffentlich richtig und suchen wieder entsprechende Rubriken. Hier sollten wir uns vor Vermenschlichungen hüten. Bevor wir hier analoge Rubriken suchen, sollten wir mit dem Ausdrucksverhalten der Tierart vertraut sein. Viele Gemütszustände des Menschen gibt es beim Tier nicht.