Zur Bedeutung der Causa für die Arzneiwahl

Braucht man die Causa für eine erfolgreiche Therapie? Oder kommt man auch ohne aus?

Um es kurz vorweg zu nehmen: nein, man braucht keine Causa.

Um den Sachverhalt rund um die Causa zu beleuchten, schauen wir uns zunächst an, was Causa überhaupt bedeutet. In der Medizin wird generell zur Erfassung des Zusammenhangs zwischen einem auslösenden Ereignis und einer Erkrankung der  Begriff der Ätiologie oder Causa benutzt. Bedeutet das aber in Schulmedizin und Homöopathie dasselbe?

Ätiologie = Ursache (lat. causa) einer Krankheit, Krankheitsanlass UND Lehre von den Krankheitsursachen. Die Ätiologie ist zu unterscheiden von der Pathogenese = Entstehung und Entwicklung einer Krankheit (beides aus Pschyrembel).
In der Homöopathie kennen wir die Causa oder besser die causa occasionalis und die wird von der prima causa morbi unterschieden.

Zur Ätiologie

Die Ätiologie versucht, einen Zusammenhang zwischen auslösendem Umstand und Krankheit herzustellen. Der Grad der Gewissheit, mit der auf ein Ereignis eine bestimmte Erkrankung folgt, kann ganz unterschiedlich sein. Von der Causa einer Erkrankung spricht man in der Schulmedizin, wenn die Erkrankung sichere Folge eines Ereignisses ist. Das bedeutet, dass – jedesmal wenn das Ereignis eintritt – die Krankheit folgt. Ist der Zusammenhang weniger zwangsläufig (das Ereignis hat nicht sicher die Erkrankung zur Folge, begünstigt aber ihr Auftreten), spricht man von Contributio (Beitrag, Förderung). Wenn schließlich nicht einmal eine Begünstigung sicher festzustellen ist, Ereignis und Krankheit aber zusammen vorkommen, spricht der Schulmediziner von Correlatio (Zusammenhang). Es geht also immer um einen direkten kausalen und pathophysiologischen Zusammenhang, der mehr oder weniger klar/stark ausgeprägt ist.

Die Causa in der Homöopathie

In der Homöopathie sprechen wir demgegenüber von der Causa occasionalis als einem zufälligen, unwesentlicher Auslöser einer Krankheit und unterscheiden diese Causa von der prima causa morbi, der inneren Störung der Lebenskraft als der eigentlichen Ursache der Erkrankung oder besser der Symptome.

Wenn in der Homöopathie von der Causa die Rede ist, ist die immer der (Gelegenheits-)Auslöser der aktuellen Beschwerde, die causa occasionalis, gemeint.

Causa occasionalis

Es geht nicht um einen pathophysiologischen Zusammenhang, es reicht, dass Ereignis und Krankheit in einem zeitlichen Zusammenhang stehen. Der Homöopath unterscheidet also weder Causa, Contributio und Correlatio, noch besteht er überhaupt auf einem nachweisbaren kausalen Zusammenhang.

Die Causa (occasionalis) kann abgestellt werden oder auch nicht, kann manchmal nicht mehr festgestellt werden und kann – muß aber nicht – in einem bekannten pathophysiologischen Zusammenhang mit der Störung stehen. Sie kann physischer, emotionaler oder geistiger Natur sein. Damit ist die Causa in der Homöopathie also wesentlich weiter gefaßt als in der Schulmedizin.

Prima causa morbi

Stehen Ursache und Erkrankung in keinerlei Verhältnis, ist die Erkrankung für den Auslöser untypisch und außergewöhnlich in Stärke und Umfang, so spricht das für den Homöopathen für eine schon vor dem Ereignis bestehende Empfindlichkeit des Kranken. Und hier kommt die Miasmatik ins Spiel. Angeborene oder erworbene Empfindlichkeiten beeinflussen die Reaktionen des Individuums auf Ereignisse. Für den miasmatisch denkenden Homöopathen ist in solchen Fällen das Miasma die erste Krankheitsursache überhaupt, die prima causa morbi. Ohne Miasma keine Empfindlichkeit und ohne besondere Empfindlichkeit würde die  Erkrankung in dieser Ausprägung nicht auftreten. Man könnte es auch so ausdrücken: Je weniger sich eine Erkrankung durch den Auslöser erklärt in Stärke, Symptomatik und Dauer, umso wahrscheinlicher ist eine miasmatische Belastung. Das Individuum reagiert dann mit seinen schon vor dem Ereignis bestehenden Schwachstellen.

Dass man mit Benommenheit, Amnäsie, Schwindel, Kopfschmerz auf einen Schlag auf den Kopf reagiert ist z.B. pathophysiologisch gut erklärbar. Dass man auf eine Verbrennung so reagiert, ist eher merkwürdig und das spricht sehr für eine schon bestehende Vorerkrankung.

Die Causa ist kein Symptom

Die Causa (occasionalis) gehört zwar zur Krankheit, ist aber kein Krankheitssymptom und kann sich logischerweise in Prüfungen auch nicht zeigen. Welche Mittel welche Causa abdecken, zeigt sich beim praktischen Einsatz, in der klinischen Anwendung. Letztlich ist immer die Symptomatik entscheidend für die Mittelwahl und nicht die Tatsache ob oder ob nicht ein Mittel schon einmal erfolgreich bei einer bestimmten Causa eingesetzt wurde.
Möglicherweise ist der erfolgreiche Einsatz nur noch nie dokumentiert oder das Mittel in einem solchen Erkrankungsfall einfach noch nicht ausprobiert worden. Je deutlicher ein Ursache-Wirkung-Zusammenhang auch pathophysiologisch ist, um so sicherer kann eine Arznei zwar einer Causa zugeordnet werden, damit sind aber die vielfältigen Möglichkeiten der Gelegenheitsauslösung noch lange nicht erfaßt. Jedes Ereignis kann grundsätzlich jede Symptomatik auslösen – weil jedes Individuum andere Veranlagungen/Empfindlichkeiten/Empfänglichkeit mitbrigt. Würde man sich bei der Mittelwahl von vorne herein auf die beschränkte Mittelauswahl der entprechenden Causa-Rubrik des Repertoriums beschränken, könnte einem das passenden = heilende Mittel leicht entgehen. Deckt eine Arznei die Krankheitssymptome ab UND ist sie in der Rubrik der vermuteten Causa aufgeführt, ist das eine schöne Bestätigung. Ist die Arznei nicht in der Causa-Rubrik enthalten, spricht das nicht gegen das Mittel. Möglicherweise ist man auch von einer falschen Causa ausgegangen. Da kein pathophysiologischer Zusammenhang gegeben sein muss und es sich per definitionem um Gelegenheitsursachen handelt, kann das durchaus passieren. Letztlich gilt immer, dass die Symptomatik den Weg zum Mittel weist.

Glaubt man sich des miasmatischen Hintergrundes sicher zu sein, kann man natürlich das Miasma bei der Repertorisation berücksichtigen. Hier gilt aber grundsätzlich dasselbe wie für die Causa. Das Miasma ist ebenso kein Prüfungssymptom und erschwerend kommt hinzu, dass die Zuordnung der Krankheiten zu den Miasmen nicht eindeutig ist.