Erstwirkung und Nachwirkung in Homöopathie und Schulmedizin

Die einen suchen ihr Heil in der Erstwirkung, die anderen in der Nachwirkung

Erstwirkung und Nachwirkung einer Arznei haben in Homöopathie und Schulmedizin einen völlig anderen Stellenwert. Die Schulmedizin sucht die Heilung in der Erstwirkung, die Homöopathie in der Nachwirkung einer Arznei.

Grundsätzlich jede Arznei hat eine Erstwirkung und eine Nachwirkung

Die Erstwirkung ist die unmittelbare Wirkung, die die Arznei entfaltet und die sich in einer bestimmten Symptomatik zeigt. Die Nachwirkung ist das Bestreben des Organismus (der Lebenskraft) diese störende  Erstwirkung auszugleichen und zum Ausgangszustand zurückzuführen. Erst- und Nachwirkung sind immer entgegengesetzt und gleich stark. Mit anderen Worten: Je stärker die Erstwirkung, umso stärker die zum Ausgleich erforderliche Nachwirkung. Besteht die Erstwirkung z.B. in der Auslösung einer starken Verstopfung, so wird in der Nachwirkung ein starker Durchfall auftreten. Anders ist kein Ausgleich möglich.

Hahnemann beschreibt das im Organon §63 so:

„Jede auf das Leben einwirkende Potenz, jede Arznei, stimmt die Lebenskraft mehr oder weniger um, und erregt eine gewisse Befindens-Veränderung im Menschen auf längere oder kürzere Zeit. Man benennt sie mit dem Namen: Erstwirkung. Sie gehört, obgleich ein Produkt aus Arznei und Lebenskraft, doch mehr der einwirkenden Potenz an. Dieser Erstwirkung bestrebt sich unsere Lebenskraft ihre Energie entgegen zu setzen. Diese Rückwirkung gehört unserer Lebens-Erhaltungs-Kraft an und ist eine authomatische Thätigkeit derselben, Nachwirkung oder Gegenwirkung genannt.”

Erstwirkung und Nachwirkung in Schulmedizin und Homöopathie an einem Beispiel aus der Praxis erklärt

Nehmen wir an, der Patient hat eine Durchfallerkrankung. Vom Schulmediziner bekommt er eine Arznei, die als Erstwirkung eine entgegengesetzte Symptomatik – nämlich Verstopfung –  auslöst. In der entgegengesetzten Nachwirkung bemüht sich der Organismus um Ausgleich dieser Verstopfung.  Die Bemühungen um Ausgleich der Verstopfung können dabei durchaus auch zu einer Verstärkung des ursprünglichen Durchfalls führen. Schafft der Organismus es, die Kunst(Arznei)krankheit auszugleichen, hat er aber immer noch das “alte” Durchfallproblem. Dass da am Ende nicht unbedingt eine geregelte Verdauung herauskommt, ist einsichtig. Möglich ist es – trotz Medikamentengabe – aber immerhin. Der Körper verfügt über enorme Kräfte zur Selbstregulation.

Kommt es zu einer Dauermedikationen, weil das ursprüngliche Problem nicht dauerhaft verschwindet, besteht die Gefahr, dass das Medikament in der ursprünglichen Dosierung (durch den Gewöhnungsprozess bedingt) irgendwann nur noch die Entzugserscheinungen abfängt und dass immer höhere Dosen benötigt werden, um den gewünschten Effekt zu erzielen. In der Nachwirkung kommt es nämlich zu einer ständigen Verstärkung des belastenden Ausgangssymptoms.

Was macht der Homöopath? Er verschreibt bei gleicher Sachlage nach dem Ähnlichkeitsprinzip ein Mittel, das in der Erstwirkung einen Durchfall auslöst, der dem Durchfall des Patienten sehr ähnlich ist. Die Nachwirkung besteht auch hier im Ausgleich der Arzneikrankheit, im Ausgleich des künstlich erzeugten Durchfalls. Da natürliche Krankheit und Arzneikrankheit sich sehr ähnlich sind, führt das Bemühen um Ausgleich in diesem Fall zur Normalisierung der Verdauung.

In der Schulmedizin liegt die erwünschte Wirkung in der Erstwirkung, in der Homöopathie in der Nachwirkung

Die Erstwirkung wird bei der homöopathischen Behandlung nur spürbar, wenn die Arzneikrankheit deutlich stärker ist als die natürliche Krankheit. Um heilend zu wirken, MUSS die Kunstkrankheit aber stärker sein als die natürliche Krankheit. In unserem Beispiel ist dann kein Unterschied zwischen dem natürlichen Durchfall und dem künstlich erzeugten festzustellen, man hat nur den Eindruck, das ursprüngliche Symptom hätte sich verstärkt. Eigentlich handelt es sich aber um die Kunstkrankheit, die die natürliche Krankheit quasi übertönt. Hahnemanns erklärtes Ziel war die Vermeidung deutlicher Erstwirkung, weil diese für den Patienten natürlich unangenehm ist. Sie ist zwar ein Zeichen für die richtige Arzneiwahl, aber das Bemühen geht dahin, sie zu vermeiden bzw. so gering zu halten, dass sie gar nicht auffällt. Bei geschickter Wahl von Potenz und Einnahmeschema bleibt die Erstwirkung unbemerkt. Tritt eine Erstwirkung auf, so dauert diese immer nur solange an, bis die Nachwirkung einsetzt. Die Nachwirkung einer Arznei wird in der homöopathischen Behandlung als Erleichterung der belastenden Symptome wahrgenommen.

Ziel einer homöopathischen Behandlung ist Heilung/Erleichterung bei  Vermeidung einer deutlichen Erstwirkung (weil diese immer als belastende Verschlimmerung der Symptomatik empfunden wird). Da Erst- und Nachwirkung sich in der Stärke entsprechen, ist mit einem Umschlagen der Symptomatik in das andere Extrem nicht zu rechnen.

Erstwirkung und Nachwirkung in der Prüfungssituation

Erst- und Nachwirkung werden oft herangezogen, um die gegensätzlichen Prüfungssymptome einer Arznei zu erklären. Die zunächst dokumentierten Symptome entsprechen danach der Erstwirkungen, die im weiteren Verlauf aufgezeichneten Symptome der Nachwirkung.

Hahnemann schreibt im Organon §66 dazu:

„Eine auffallende, entgegen gesetzte Nachwirkung ist aber auffallend im Sinne von wahrnehmbar. Sie ist in begreiflicher Weise nicht bei Einwirkung ganz kleiner homöopathischer Gaben der umstimmenden Potenz im gesunden Organismus wahrzunehmen. Ein wenig von diesem allen bringt zwar eine, bei gehöriger Aufmerksamkeit wahrnehmbare Erstwirkung hervor, aber der lebende Organismus macht dafür auch nur so viel Gegenwirkung (Nachwirkung), als zur Widerherstellung des normalen Zustandes erforderlich ist“.

Nachwirkungen können nach Hahnemann nur auftreten, wenn nicht mit einer einzigen sondern mit mehreren Gaben geprüft wird. Dann kommen „mehrere Nachwirkungen unter den Symptomen mit vor“ (§137). Das wurde von Hering bestritten. Für ihn gibt es bei homöopathischen Arzneiprüfungen keine wahrnehmbare Gegenwirkungen des Organismus, keinen Ausschlag des Pendels auf die Gegenseite, also keine gegenteiligen Symptome bei ein und demselben Prüfer. Alle auftretenden Wirkungen sind seiner Meinung nach einzig und allein Erstwirkungen. Hier herrscht wie so oft in der Homöopathie keine Einigkeit.

Es ist aber auch ein schwieriges Thema. Die Theorien, die die Reaktion auf einen Reiz (denn nichts anderes ist eine Arznei) erklären, haben sich über die Zeit weiterentwickelt und sind in der Pharmakologie nicht unumstritten: Arndt-Schulze-Regel und Theorie von Hormesis. Tatsache ist, dass ein und dieselbe Arznei in Prüfungen entgegengesetzte Symptome zeigen kann und das nicht nur bei verschiedenen Prüfern, sondern auch bei ein und demselben Prüfer. In manchen Arzneibildern ist das offensichtlich, bei anderen fällt es auf den ersten Blick kaum auf.

Was passiert, wenn eine Erstwirkung nicht ausgeglichen werden kann?

Dann haben wir es mit einer chronischen Arzneikrankheit zutun, mit einem Miasma bzw. einer miasmatischen Belastung, die dann auch noch vererbt werden kann. Theoretisch ist das möglich nach jeder allopathischen Medikation, auch nach längerer Verabreichung einer homöopathischen Arznei, die nicht nach dem Ähnlichkeitsprinzip ausgewählt wurde.

Woran kann man erkennen, ob eine chronische Arzneikrankheit vorliegt?

Man erkennt es daran, dass nach Absetzen des Medikamentes die ursprünglichen Symptome des Patienten nicht mehr auftreten, dass sie ganz ausbleiben oder verändert sind. Das ist aber nicht mit Heilung zu verwechseln!! Die ursprüngliche Krankheit ist in den Hintergrund getreten (sie ist unterdrückt worden) und die neue chronische Arzneikrankheit hat sich etabliert. Möglicherweise drückt sich das in neuen Symptomen aus, die den Nebenwirkungen entsprechen, die im Beipackzettel ausgewiesen sind oder im Falle einer homöopathischen Arznei mit Prüfungssymptomen.

Wunderheilung in der Erstwirkung einer homöopathischen Arznei ist immer ein schlechtes Zeichen

Hier ein Zitat Hahnemanns aus dem Vorwort zur 2. Auflage des 1.Bandes der Chronischen Krankheiten:

“Man darf sich nicht schmeicheln, daß die gegebne antipsorische Arznei gut gewählt gewesen sey, oder die Heilung der chronischen Krankheit befördern werde, wenn sie gleich die ersten Tage die beschwerlichsten Symptome: alte, große, stete Schmerzen, tonische oder klonische Krämpfe u.s. w., schnell und gänzlich, wie durch einen Zauberschlag, verschwinden macht, so daß der Kranke fast sogleich nach dem Einnehmen derselben so befreit von Leiden sich dünkt, als wäre er schon genesen und wie im Himmel. Diese Täuschung zeigt an, daß die Arznei hier enantiopathisch wirke, als ein Contrarium und Palliativ, und man in den folgenden Tagen nichts als bedeutende Verschlimmerung der ursprünglichen Krankheit von diesem Mittel zu erwarten habe. So wie sich dann diese falsche Besserung in einigen Tagen wieder in Verschlimmerung zu verkehren anfängt, ist es hohe Zeit, entweder das Antidot dieser Arznei, oder, wenn dieß nicht vorhanden ist, eine homöopathisch passendere Arznei an der Stelle zu verordnen. Höchst selten wirkt sie weiterhin noch gut.”