Ohne Miasmen zum heilenden Mittel?

Ist Miasmenwissen erforderlich oder überflüssig?

Braucht man Miasmenwissen, um das heilenden Mittel zu finden oder kann man sich die Mühe sparen, sich in dieses komplexe Thema einzuarbeiten? Eine interessante und provokative Frage.

Die erste Miasmentheorie stammt von Hahnemann (1755-1843) und als treue Hahnemann-Anhänger denken wir vielleicht, dass es ohne nicht geht.

Immerhin waren die Behandlungen Hahnemanns vor der Entwicklung der Miasmentheorie – was chronische Krankheiten anging – anscheinend nicht von dauerhaftem Erfolg gekrönt. Vor dem Hintergrund des Konzeptes der Miasmen und bei entsprechender Mittelwahl sah dann anscheinend alles anders aus. Identifizierte Hahnemann die Syphilinie, gab er merc, bei Sykose thuj oder nit-ac und bei Psora sulf oder ein anderes psorisches Mittel. Vielleicht war das so einfach, weil damals alles noch einfacher war oder weil Hahnemann es noch nicht besser wusste.

Wenig Einigkeit in Sachen Miasmatik

Durchforstet man die Literatur, ist man überrascht. So bedeutende Homöopathen wie Kent (1849-1916) und Allen (1850-1925) waren schon damals hinsichtlich der Bedeutung des Miasmenkonstruktes für die Mittelwahl nicht der gleichen Meinung, obwohl beide dafür bekannt sind, nach den Grundsätzen Hahnemanns gearbeitet zu haben. Beide waren außerdem, glaubt man der Literatur, ausgesprochen erfolgreich. Kents Repertorium kennt jeder und Allens Werke über die Miasmen gehören zur homöopathischen Standardliteratur. Wie kann es angehen, dass für den einen (Allen) die nicht-miasmatischer Behandlung eine tiefe Heilung ausschließt und für den anderen (Kent) Heilung ausschließlich nach individueller Symptomenähnlichkeit und keinesfalls nach Pathologien möglich ist? Mit letzterem steht Kent übrigens nicht alleine dar. Hering (1800-1880) ging genauso vor. Und um einen noch lebenden Homöopathen zu nennen: Vithoulkas orientiert die Mittelwahl ebenfalls nicht am Miasma. Freuen wir uns aber nicht zu früh: Auch die Homöopathen, die bei der Wahl des Mittels ausschließlich nach individueller Symptomenähnlichkeit vorgehen und sich nicht namentlich am vermeintlich identifizierten Miasma orientieren, lehnen das grundsätzliche Konzept der Miasmen als erworbene oder angeborene Krankheitsveranlagungen nicht ab.

Was ist überhaupt eine miasmatische Behandlung?

Da finden wir folgendes:

  • Verabreichung der dem aktiven Miasma entsprechenden Nosode – das setzt eindeutige Identifizierung voraus, die zweifelsfrei kaum vorzunehmen ist – nicht aufgrund ähnlicher Symptomatik!

und/oder

  • Gabe eines tiefgreifenden chronischen Mittels (das sind die Polychreste – gut geprüft und im klinischen Einsatz bewährt) nach Symptomenähnlichkeit, wobei das aktive Miasma als ein Symptom in die Mittelwahl eingeht. Auch das setzt eine zweifelsfreie Identifizierung des Miasmas voraus. Erweitert wird die Repertorisation um Pathologien und Hauptbeschwerde. Die Mittelwahl ist also schon ein wenig individueller als bei Verabreichung der Nosoden.

Allen schreibt, dass eine tiefgreifende Heilung nicht möglich ist, wenn die Mittelwahl nicht nach grundlegenden primär-miasmatischen Symptomen erfolgt. Primärmiasmatisch bedeutet, dass die Erkrankungen der Vorfahren berücksichtigt werden.

Demgegenüber lehnt Kent sogar schon die Repertorisation mit Pathologien/nicht näher bestimmten Lokalsymptomen des Patienten grundsätzlich ab.

Miasmenmodelle – für jeden Geschmack ist etwas dabei

Unbestritten gibt es angeborene und erworbene Krankheitsveranlagungen. Modelle, die uns die Zusammenhänge erlautern wollen, gibt es zwar nicht wie Sand am Meer, aber doch in erstaunlicher Vielfalt. Alle bauen irgendwie auf Hahnemann auf und nehmen für sich in Anspruch, die Beziehungen der Veranlagungen untereinander und die Abläufe bei Fortschreiten oder Heilung von Krankheit eindeutig und vorhersagbar erklären zu können. Ein hoher Anspruch! Die Ansätze reichen von spirituell bis deduktiv abgeleitet und ziehen jeweils eine spezielle Repertorisationsmethode + Repertorium nach sich. So weit so gut. Ein Manko ist es, dass  es tatsächlich keine eindeutige Zuordnung von Symptomen und  Mitteln zu den Miasmen gibt und schon die Anzahl der Miasmen umstritten ist.  Eine Repertorisation unter Umgehung von Miasmennamen und eine Mittelwahl, ohne sich auf eine Klassifizierung der Symptome und Mittel nach Miasmen zu beziehen, scheint also keine schlechte Idee zu sein.

Kollektivität contra Individualität – oder geht es auch gemeinsam?

Das Miasma = die Krankheitsveranlagung ist ein kollektives Muster. Ob es nun 3 oder 7 Miasmen sind, für Milliarden von Menschen/Tiere bleibt da wenig Platz für Individualität. Das Miasma als kollektive Belastung mag mehr oder weniger spezifische Symptome haben, aber die gehören zum Miasma (zur Krankheit) und nicht zum Patienten. Und die individuellen Symptome des Patienten gehören nicht zum Miasma. Zur Krankheit des Patienten gehört aber beides.

Wie zeigt sich die Krankheitsveranlagung? In Vorerkrankungen, in den Erkrankungen der Vorfahren und der Blutsverwandten. Diese kann man auswerten ganz ohne dem einen miasmatischen Stempel aufdrücken zu wollen. Man kann nach Mitteln suchen, die diese Erkrankungen schon geheilt haben. Das kann man streng nach Boger tun, weniger streng nach Bönninghausen oder im Anschluss an die individuelle Repertorisation nach Kent. Oder man lässt es ganz sein und hält sich streng an Kent oder Vithoulkas, die sich ausschließlich an der aktuellen und individuellen Symptomatik der aktiven Krankheitssschicht orientieren. Kent und Vithoulkas therapieren das aktive Miasma, ohne es namentlich zu identifizieren. Sie tun das in ähnlicher Weise, wobei Vithoulkas das Vorgehen von Kent allerdings abgewandelt hat.

Um sich bewusst für die eine oder andere Methode der Mittelwahl entscheiden zu können, muss man sich mit der Problematik auseinandergesetzt haben.

Wo suche ich die Ähnlichkeit?

Die Frage ist nicht „Miasmen ja oder nein?“ sondern „Akut und/oder chronisch, erworbene, angeborene Veranlagungen, wo suche ich die Ähnlichkeit?“  Im Muster, im Detail, in Gemütssymptomen oder in der Pathologie? In der Praxis ist das Problem ja eher die mangelnde Fähigkeit, die Krankheit richtig einschätzen zu können und das passende Mittel zu erkennen und weniger die Bejahung oder Ablehnung des Miasmenkonzeptes. Miasma A, B oder C – das ist ein Stempel, ein Aufkleber, der für etwas steht. Warum nicht das auswerten, wofür der Stempel vermeintlich stehen soll? Grundsätzlich alles, was zum Verständnis der Krankheit des Patienten beiträgt, ist meiner Meinung nach zu begrüßen.

Alle Miasmenmodellen haben ihre Daseinsberechtigung

Die Miasmenmodelle sind entstanden, weil praktizierende Homöopathen hilfreiche Konstrukte entwickeln wollten, um sich und anderen zu einem tieferen Verständnis sowohl der Krankheitsveranlagungen und ihrer Beziehungen untereinander als auch ihrer Therapie zu verhelfen. Daraus Dogmen für die Therapie machen zu wollen, wäre falsch. Man nehme die Modelle als Anregungen, als Hilfestellungen! Sie spiegeln außerdem das Verständnis der Homöopathie/der Miasmen zu verschiedenen Zeiten wieder und auch von daher ist die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Modellen durchaus erhellend.

Mein Fazit: Egal wie man vorgeht, eigentlich geht es immer nur um Ähnlichkeit und darum, das Krankheitsbild des Patienten zu erfassen! Dass das auf verschiedenen Ebenen theoretisch und wohl auch praktisch möglich ist, zeigen die Erfolge bedeutender Homöopathen mit unterschiedlichen Ansätzen bei der Mittelwahl. Hering, Kent und Vithoulkas als Ausrede zu benutzen, um sich langfristig vor den Miasmen zu drücken, ist vermutlich nicht der richtige Umgang mit dem Thema.

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