Homöopathie praktizieren als Laie?

Die Problematik der Laienbehandlung

Im Alltag sieht es so aus, dass (schul)medizinische und/oder homöopathische Laien homöopathische Arzneien anwenden. In beiden Fällen kann man das eigentlich nicht als Homöopathie bezeichnen, da die Grundprinzipien der Homöopathie (Ähnlichkeit + Potenzierung + geprüfte Einzelmittel) vernachlässigt werden.

Die homöopathische Behandlung ist eine medizinisch-therapeutische Maßnahme. Das Wissen um den Körper und wie er in gesundem und krankem Zustand funktioniert, seine Organe, seine Pathologien, sollte selbstverständlich sein, bevor man da irgendetwas therapeutisch in Angriff nimmt. Die Vorstellung, ohne entsprechende Kenntnisse homöopathisch heilen zu wollen, erscheint zumindest abwegig. Ebenso seltsam mutet das Vorgehen an, ohne Kenntnis oder Berücksichtigung der Grundregeln der Homöopathie homöopathisch therapieren zu wollen.

Schaut man sich die Biographien bedeutender Homöopathen wie z.B. Kent, Allen, Hering an, stellt man  fest, dass die alten Meister ihre Wurzeln in der (Schul)medizin hatten und offensichtlich irgendwann durch ein Schlüsselerlebnis zum Umdenken gebracht wurden. Sie überdachten ihre Therapiemethode und wechselten das Lager zur Homöopathie. Medizinische Kenntnisse kann man ihnen wirklich nicht absprechen.

Wichtig ist die Gesamtheit der Symptome

Auch wenn sich die Homöopathie bei der Mittelwahl mitunter (je nach Schule) stark an den Gemütssymptomen orientiert, kann man auf diesen alleine die Mittelwahl nicht aufbauen. Vor lauter  Begeisterung darüber, dass Geist, Gemüt und Emotionen endlich in vollem Umfang gesehen und berücksichtigt werden, darf man nicht vergessen, dass zum Ganzen eben auch der Körper gehört. Hier manifestiert sich das Krankheitsgeschehen in einer sehr offensichtlichen Weise, die nicht ignoriert oder falsch gedeutet werden sollte. Geistes- und Gemütssymptome sind demgegenüber eine weites Feld für Spekulationen, Interpretationen und Projektionen des Therapeuten.

Selbsthilfebücher und Ratgeber für Laien

Ich denke, dass diese Publikationen vorrangig dem Autor und dem Verlag Nutzen bringen.  Selbsthilfebücher gibt es wie Sand am Meer. Und die legen dem geneigten (medizinisch und homöopathisch wenig bis gar nicht bewanderten) Leser nahe, dass absolut jeder nach solchen Rezeptbüchern zumindest seine banalen Wehwehchen kurieren kann. Wenn es denn ausschließlich die eigenen Wehwehchen wären! Mütter dazu anzuregen, ihre Kinder homöopathisch im Do-it-Yourself-Verfahren zu behandeln ist meiner Meinung nach unverantwortlich. Und es schadet dem Ansehen der Homöopathie. In ähnlicher Weise werden Tierbesitzer animiert – weil so ungefährlich und natürlich – ihre Tiere selbst homöopathisch zu therapieren.

Wer tatsächlich ein Verständnis für die Homöopathie als Heilverfahren hat und die Grundprinzipien verstanden hat, hat begriffen, dass sie im Idealfall mehr kann als die Schulmedizin, dass die homöopathischen Mittel aber – falsch angewendet – genauso funktionieren wie die Chemotherapie, wie Schmerztabletten, Abführmittel, Schnupfenmittel, Fiebermittel etc in der Schulmedizin. Da hängt es dann vom Einzelfall, von der Dosis und der Dauer der Anwendung ab, ob man einen Schaden anrichtet.

Potenzierung allein reicht nicht aus

Nicht allein die potenzierten Medikamente machen die Homöopathie aus, sondern auch der Einsatz entsprechend den Grundregeln der Therapiemethode (nachzulesen im Original in der 6. Auflage des Organon von Hahnemann). Hält man sich nicht daran, ist das, was man da macht, keine Homöopathie. Und das gilt für Schulmediziner wie für Laien, die die Gesamtsymptomatik nicht erfassen.

Darfs ein bißchen mehr sein?

Bleibt die Frage, wieviel medizinische Kenntnisse man braucht, um regelrecht homöopathisch therapieren zu können.  Ich würde es so formulieren: je mehr desto besser. Denn: das was ich behandeln möchte, muss ich zunächst erkennen, in vollem Umfang begreifen. Und dabei ist, was sich auf körperlicher Ebene abspielt, eine ganz große Hilfe. Je weniger ein Patient sich artiklulieren kann – egal ob dementer Pflegefall im Altersheim, Säugling oder Tier – um so wichtiger wird der Körper. Nicht weil er per se wichtiger wäre als Geist und Gemüt, sondern weil die Geistes- und Gemütssymptome manchmal nicht klar zu erheben sind. Zum vollständigen Krankheitsbild gehören die Symptome von Geist, Gemüt und Körper. Je weniger ich habe, um so mehr Raum für Unsicherheiten bleibt bei der Mittelwahl. Unerkannte Pathologien, deren Symptome oberflächlich wegtherapiert (unterdrückt) werden, schreiten fort und die Chance einer frühzeitigeren und damit auch erfolgversprechenderen (schulmedizinischen und/oder tatsächlich homöopathischen) Therapie wird vertan.

Fazit

Homöopathische Mittel sind freiverkäuflich. Daraus zu schließen, dass ihre Anwendung der (ebenso nicht risikolosen) Anwendung von OTC-Produkten aus der Apotheke gleichkommt, ist ein Fehlschluß. Der Einsatzbereich eines gängigen Schmerzmittels ist auf Schmerzen, Entzündung, Fieber begrenzt. Klar definiert nach Indikationen. So etwas gibt es bei den homöopathischen Mitteln nicht. Auch wenn viele Bücher das suggerieren. Die Mittelwahl erfolgt immer auf Basis der Ähnlichkeit der körperlichen, seelischen und geistigen Symptome. Medizinische Kenntnisse sind nötig, um die körperlichen Symptome richtig einordnen zu können. Nebenwirkungen im Sinne der Schulmedizin gibt es nicht, aber es gibt vor allem bei unsachgemäßem Einsatz Wirkungen, die durchaus auch unerwünscht sein können und der Gesundheit des Patienten nicht förderlich sind.

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