Insulinpräparate

Insulin ist nicht gleich Insulin

Jede Tierart stellt andere Anforderungen an die Insulinsubstitution bei Diabetes. Bedauerlicherweise wird meist sehr undifferenziert vorgegangen. Nicht jedes Insulin ist für aber für jede Tierart geeignet. Die Stoffwechselgegebenheiten der jeweiligen Tierart und die artgerechte und immer insulinsparende Fütterung werden leider meist vernachlässigt.

Die Geschichte der Insulinpräparate

Insulin ist ein Hormon (Protein), das von der Bauchspeicheldrüse produziert und ins Blut abgegeben wird. Insulin ist aus einer bestimmten Abfolgen von Aminsoäuren aufgebaut.  Jede (Tier)Art produziert ihr eigenes Insulin. Das Insulin von Mensch und diversen Tierarten unterscheidet sich minimal in der Aminsosäurenabfolge. 1-3 Aminosäuren unterscheiden sich an bestimmter Stelle im Molekül.

Die ersten Forschungen wurden an Hunden durchgeführt, das verwendete Insulin wurde  aus den Bauchspeicheldrüsen von Haushunden hergestellt. Für die Therapie am Menschen hat Hundeinsulin keine Bedeutung. Die ersten Insulinpräparate, mit denen Menschen behandelt wurden, wurden aus den Bauchspeicheldrüsen von Hausrindern hergestellt. Lange Zeit gab es keine Alternative dazu.  Im Gebrauch waren für Mensch und Tier zunächst nur das Insulin von Schwein und Rind. Der Nachteil: Der Einsatz von artfremdem Insulin kann Unverträglichkeitsreaktionen auslösen.

1982 gelang es, durch gentechnisch veränderte Bakterien ein Humaninsulin herzustellen, welches exakt dem natürlichen, von der Bauchspeicheldrüse produzierten menschlichen Insulin entspricht. Inzwischen werden dazu auch Hefepilze eingesetzt. Durch Zusätze von Protamin, Surfen oder Zink kann die Wirkung der Insuline verlangsamt und verlängert werden.

Seit 1996 gibt es künstliche Insuline, die sogenannten Analoginsuline, die auch gentechnisch hergestellt werden, aber eine veränderte Struktur der Eiweißketten aufweisen. Sie wirken wesentlich länger und flacher als die natürlichen Insuline und auch als die Insuline mit Wirkungsverzögerung.

Natürliche und künstliche,  langsame und schnelle Insulinpräparate

Mittlerweile gibt es also natürliche Insuline aus gentechnologischer Produktion  mit und ohne Wirkungsverzögerern und es gibt künstliche Insuline. Die einzelnen Insulinpräparate unterscheiden sich im Wesentlichen dadurch, wie lange es nach dem Spritzen bis zum Wirkungseintritt  dauert, wann das Wirkungsmaximum erreicht wird und wieviele Stunden die Wirkung anhält. Die Entwicklung immer länger wirksamer Insuline spiegelt das Bestreben wieder, die natürlichen Verhältnisse zu „kopieren“, um so über den Tag einen möglichst konstanten Butzuckerspiegel aufrechtzuerhalten . Insuline unterschiedlicher Eigenschaften können in der Therapie in einem Produkt kombiniert werden.

Gott sei Dank gibt es diese unterschiedlichen Insuline, die ursprünglich alle für die Anwendung beim Menschen konzipiert sind. Sie ermöglichen es, auf ganz unterschiedliche Anforderungen verschiedener Tierarten gezielt einzugehen.

Ein Fleischfresser wie der Hund, der u.U. nur einmal am Tag eine große Mahlzeit aufnimmt, stellt andere Anforderungen an die Insulinsubstitution als die Katze, die über den Tag verteilt Mäuse (Fleisch) verspeist oder als Pferd oder Kaninchen, die den ganzen Tag Pflanzen fressen. Ein geeignetes Insulin für alle gibt es nicht. Vor allem, da die Anpassung der Fütterung an die Insulingaben nur begrenzt bzw. gar nicht möglich ist. Das wirft beim Menschen schon Probleme auf und noch viel mehr beim Tier. Möglich ist allerdings die Rückkehr zu einer artgerechten (und damit grundsätzlich IMMER insulinsparenden) Fütterung.

Basal (Grund)bedarf an Insulin

Grundsätzlich unterscheidet man den Basal- oder Grundbedarf an Insulin, der unabhängig von der Nahrungsaufnahme rund um die Uhr besteht, und den zusätzlichen Bedarf, der durch Aufnahme von Kohlenhydraten über die Nahrung unmittelbar nach den Mahlzeiten entsteht. Dieser hängt von der Zusammensetzung der Nahrung ab.

Schaut man sich nun die natürliche artgerechte Ernährung verschiedener Tierarten an, so stößt man da auf ganz große Unterschiede. In der natürlichen Kost von Katzen kommen z.B. keine Kohlenhydrate vor, die zu einer Erhöhung des Blutzuckerspiegels führen und eine über den Basalbedarf erhöhte Insulinmenge erforderlich machen. Und auch beim Hund sind sie verzichtbar. Trockenfutter enthält allerdings IMMER große Mengen leicht verdaulicher Kohlenhydrate, die den Butzuckerspiegel in die Höhe schnellen lassen.

Beim Pflanzenfresser kommen Kohlenhydrate, die den Blutzuckerspiegel nach der Mahlzeit erhöhen, ebenfalls in der natürlichen Nahrung kaum vor. Die kommen erst durch Kraftfutter-Fütterung ins Spiel.

Caninsulin®, Lantus® und Levemir®

Das einzige Insulinpräparat, dass für Tiere – nämlich Hund und Katze – zugelassen ist, ist Caninsulin ® von MSD. Grundsätzlich wirkt jedes für den Menschen zugelassene Insulin auch beim Tier in erwünschter Weise. Gibt es für die zu behandelnde Tierart kein zugelassenes Veterinärpräparat, kann der Tierarzt auf ein Medikament ausweichen, das für eine andere Tierart zugelassen ist. Gibt es das auch nicht oder ist es nicht geeignet, kann er ein Humanmedikament umwidmen für den Einsatz beim Tier und dieses Medikament einsetzen und verschreiben.

Caninsulin® ist eine Mischung aus natürlichem (schnell wirkendendem) Schweineinsulin und einem Anteil Schweineinsulin, das mit Zink modifiziert wurde und eine lange Wirkzeit hat. Auf der Seite der Züricher Universität gibt es sehr ausführliche Informationen zur den Wirkkurven von Caninsulin® bei Hund und Katze. Auf der Herstellerseite vermißt man diese Angaben leider.

Die Wirkung von Caninsulin®  tritt sofort ein (Verabreichung daher gleichzeitig mit der Fütterung), erreicht beim Hund nach 4 und bei der Katze nach 4-6 Std. das Wirkmaximum und hält beim Hund 14-24 Std. und bei der Katze 8-12 Std. an.

Für den Hund ist Caninsulin® bei ein- bis zweimaliger täglicher Fütterung und 1-2maligem Spritzen ein geeignetes Insulinpräparat, um die unzureichende körpereigene Insulinbildung auszugleichen, für die Katze eher nicht. Erste Maßnahme bei einer diabetischen Katze sollte IMMER die Umstellung auf ein Nassfutter ohne Kohlenhydrate sein – diese Anforderung erfüllen sogar die meisten normalen Dosenfutter für Katzen. Damit entfallen nämlich die Blutzuckerspitzen nach der Futteraufnahme. Benötigt wird hier dann ein langsam und lange wirkendes (Basal)Insulin wie Lantus® oder Levemir®.

Spritzt man der Katze Caninsulin®, produziert man über 24 Stunden Blutzuckerkurven mit steilen Abfällen und steilen Anstiegen des Blutzuckers, ein ständiges Auf- und Ab zwischen Unterzuckerung und zu hohem Blutzuckerspiegel. Die Wirkung von Caninsulin® verträgt sich nicht mit den natürlichen Ernährungsgewohnheiten und der artgerechten Fütterung der Katze – mehrere kleine Mahlzeiten ohne Kohlenhydrate.

Basalinsuline, die für die Katze geeignet, aber nicht fürs Tier zugelassen sind: Lantus® und Levemir®. Beide haben über den Tag eine gleichmäßige und relativ flache Wirkkurve. Die Wirkung setzt 3-4 Stunden nach der Spritze ein und hält bei Lantus 18-20 Std. und bei Levemir 22-24 Std an (beim Menschen). Bei der Katze hält die Wirkung (vielleicht aufgrund der niedrigeren Dosierung oder weil bei ihr im Stoffwechsel einiges anders läuft als bei Hund und Mensch) nicht so lange an, es muss 2mal pro Tag gespritzt werden.

Beim Pferd sieht es wieder anders aus. Der Diabetes tritt beim Pferd meist im Rahmen eines metabolische Syndroms infolge anderer hormoneller Entgleisungen auf, der Therapieansatz erfolgt zunächst an ganz anderer Stelle. Möglich ist ein Diabetes aber auch bei anderen Tieren im Rahmen des metabolischen Syndroms u.a. als Folge von Übergewicht. Da sollte dann in jedem Fall zunächst die Grunderkrankung therapiert werden, die den Diabetes ausgelöst hat.

Das A und O der Diabetes-Therapie: die artgerechte Fütterung

An absolut erster Stelle steht die immer die artgerechte Ernährung was Zusammensetzung der Nahrung und Fütterungsmanagement (Zeiten und Häufigkeit) angeht. Das gilt für JEDE Tierart. Dann gilt es, das passende Insulin zu finden. Es kann nicht angehen, artfremd zu füttern und dann die Insulingaben daran anzupassen bzw. durch die Fütterung die Insulinspritze erst nötig zu machen.  Das wäre genauso, als würde man dem Menschendiabetiker täglich 3 Tortenstücke erlauben, nur um ihm dann zum Ausgleich mehr Insulin zu spritzen.

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