Ivermektinvergiftung beim Hund durch Pferdekot

Ivermektinvergiftung durch Pferdeäpfel – versteckte Gefahr für den Hund

Beim Collie, allen Colliemischlingen aber auch anderen Rassen gibt es einen angeborenen Gendefekt, den MDR1-Defekt. Er ist seit etwa 20 Jahren bekannt und beschert den Trägern des Defektes eine Überempfindlichkeit gegen eine Reihe von Medikamenten. Das ist im Zusammenhang von Pferde- und Hundehaltung von großer Bedeutung. Gehört doch das in der Pferdehaltung zur Entwurmung gerne verwendete Wirkstoff Ivermektin  zu den Medikamenten, die diese Hunde nicht vertragen, das sie aber über das beliebte Fressen des Pferdekotes u.U. in unkontrollierbarer  Menge aufnehmen.

Das MDR1-Gen und die Blut-Hirn-Schranke

Das MDR1-Gen ist für u.a. die Synthese eines Proteins zuständig, das für diverse Transportvorgänge zwischen Blut und Gewebe zuständig ist (z.B. Ausscheidung körperfremder Stoffe/Arzneimittel). Fehlt das Protein, können Arzneistoffe (bestimmten Antiparasitika, Zytostatika, Durchfallmittel oder Antibiotika) ungehindert vom Blut ins Gehirn übertreten und dort neurotoxische Wirkung entfalten, weil die Blut-Hirn-Schranke bei diesem Gendefekt aufgehoben ist: Bewegungs- und Koordinationsstörungen, Zittern, Benommenheit, Erbrechen, Desorientiertheit, Pupillenweitstellung, vermehrter Speichelfluss treten auf. Bei höheren Dosen sind komatöse Zuständen bis hin zum Tod möglich.

Ivermektin ist in geringster Menge Gift für die betroffenen Hunde

Zum Vergleich: Die LD 50 beim Hund ohne MDR1-Defekt liegt bei 80 mg/kg Körpergewicht, oral aufgenommen, beim Hund mit MDR1-Defekt bei nur 0,2 mg/kg KG. Auch für die nicht vom Gendefekt betroffenen Tiere ist Ivermektin in hoher Dosierung toxisch. Bei den betroffenen Tieren reichen aber schon geringste Mengen aus, um lebensgefährliche Vergiftungen auszulösen.

Ist der Defekt nachgewiesen, gilt es die entsprechenden Medikamente zu meiden. Neben der therapeutischen Anwendung gibt es aber noch die unbeabsichtigte Aufnahme, das spielerische Auflecken von Wurmpaste für andere Tiere, das Spielen mit ganzen Abpackungen oder eben auch das Fressen von Pferdemist oder Rinder-, Ziegen- oder Schafskot.

Ivermektin in der Pferdeentwurmung

Ivermektin wird zur Bekämpfung von Ektoparasiten und Nematoden (Fadenwürmern) eingesetzt. Eibildung und Larvenentwicklung der Würmer wird gestört. Ivermektin wird gerne bei Pferden eingesetzt, da es im Pferdemagen gegen die Dasselfliegenlarven und in der Darmschleimhaut gegen die Auswanderung der eingekapselten Larven kleiner Strongyliden wirkt. Von Oktober bis Dezember (je nach Wetterlage) erwischt man die Dasselfliegenlarven im Magen, bevor sie größere Schäden an der Schleimhaut anrichten können. In etwa zeitgleich treten die abgekapselten Strongylidenlarven in der Darmschleimhaut in eine Ruhephase ein, bevor es nach einer Aktivierung zu einer Schädigung der Darmschleimhaut durch die in Massen anfallenden entwickelten Würmer kommen kann. Ivermektin ist daher DER Wirkstoff für die Herbst-/Winterentwurmung.

Empfehlung der Uni Giessen:
MDR1-/- Hunde müssen der Entwurmung von Pferden mit Ivermectin- oder Moxidectin-haltigen Präparaten dringend fern gehalten werden, da es selbst bei Aufnahme sehr geringer Mengen dieser hoch dosierten Präparate zu gravierenden Vergiftungen von MDR1-/- und auch MDR1+/- Hunden kommen kann. Insbesondere neuere Präparate in Tablettenform wie Equimax Tabs®, Eraquell Tabs®, oder Vectin® können für Hunde mit MDR1-Defekt extrem gefährlich sein: Bereits die Aufnahme einer einzigen Tablette mit ~20 mg kann bei MDR1+/- Hunden leichte Vergiftungssymptome hervorrufen und ist für MDR1-/- Hunde sogar tödlich!

Ivermektin im Pferdekot

Da das Wurmmittel kaum metabolisiert wird und fast vollständig (zu 98%) über den Kot ausgeschieden wird, enthält der Kot nicht unerhebliche Mengen des Wurmmittels, die beim Hund mit MDR1-Defekt ausreichen, um Vergiftungserscheinungen auszulösen. Die aufgenommene Menge läßt sich nicht kalkulieren und kann leicht tödlich sein. Hunden zugängige Misthaufen und Mistmieten stellen daher auch über den Zeitpunkt der Pferdeentwurmung hinaus eine große Gefahrenquelle dar! 90% der gesamten über den Kot ausgeschiedenen Wirkstoffmenge wird beim Pferd übrigens während der ersten 4 Tage nach Applikation eliminiert.

Das Auftreten zentralnervöser Störungen bei freilaufenden Hunden mit möglichem Zugang zu Pferdekot (gerade in den Monaten der bevorzugten Ivermektin-Entwurmung bei Pferden), sollte an die MDR1-Problematik denken lassen. Leider bekommt der Hundehalter die Aufnahme von Pferdeäpfeln in ländlichen Gegenden kaum mit bzw. ist auch wenig sensibilisiert für die Problematik. An Vergiftung wird bei den Symptomen bald gedacht, an Ivermektin aus Pferdekot eher nicht. Vor allem Hundehalter, die auch in Pferdehaltung bzw. Reiterei aktiv sind, sollten sich die Problematik bewußt machen.

Ein Gentest schafft Klarheit

Der Gendefekt konnte mittlerweile bei vielen Hunderassen nachgewiesen werden: Collie (Kurzhaarcollie und Langhaarcollie), Shetland Sheepdog, Australian Shepherd, Bobtail und Border-Collie, aber auch  Deutscher Schäferhund, English Shepherd, McNab, Silken Windhound, Langhaarwhippet, Berger Blanc Suisse u.a. sind betroffen. Nicht jedem Mischling sieht man seine Herkunft an!

Für den MDR1-Genotyp eines Hundes gibt es drei verschiedene Möglichkeiten: Nicht betroffen – MDR1(+/+), Merkmalsträger – MDR1(+/-) und Betroffen – MDR1(-/-). MDR1(+/-)-Tiere reagieren zwar auch empfindlicher als MDR1(+/+)-Tiere, aber nicht so dramatisch wie die MDR1(-/-) Exemplare. Zuchtziel ist die ausschließliche Verpaarung merkmalsfreier Tiere mit Trägertieren, um homozygote Welpen (aus der Verpaarung von Merkmalsträgern und Betroffenen) zu vermeiden!

Hier einige Links zu ausführlichen Dokumentationen zum Thema MDR1-Defekt:

http://www.vetmed.uni-giessen.de/pharmtox/mdr1_defekt/arzneistoffe.php

http://www.vetpharm.uzh.ch/reloader.htm?wir/00007028/8867_08.HTM?wir/00007028/8867_00.htm

http://www.tierarztpraxis-guben.de/Docs/Martin%20Pehle%20-%20Ivermectinvergiftung%20beim%20Hund.pdf

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