Reis als Haferersatz in der Pferdefütterung

Vermarktungsmasche der Futtermittelindustrie oder sinnvolle Alternative?

Reis und Hafer zählen beide botanisch gesehen zum Getreide. Getreide sind landwirtschaftlich kultivierte einjährige Gräser, die einsamige Früchte (Körner) tragen. Das Getreidekorn, um das es uns hier geht, besteht aus Schale, Mehlkörper und Keimling.

Die Schale macht 14% des Getreidekorns aus und setzt sich (von außen nach innen) zusammen aus der äußeren und inneren Fruchtschale, der Samenschale und der Aleuronschicht. Die Fruchtschale ist besonders rohfaser- und mineralstoffreich. Die Samenschale setzt sich ebenfalls aus 2 Schichten zusammen, sie ist besonders eiweiß- und mineralstoffreich. Die Aleuronschicht (Eiweiß- und Ölschicht) ist die äußerste Schicht des Innenkörpers. Sie enthält keine Stärke! Der Mehlkörper (83% des Korns) enthält die Stärkekörner (die wiederum aus den beiden Fraktionen Amylose und Amylopektin bestehen), Eiweiß und wenig Fett. Der Keimling (3% des Korns, Ausnahme Mais: 14%) ist eiweiß- und fettreich mit Vitaminen und Mineralstoffen. Die Spelzen sind ehemalige Deckblätter der Blüten.

Ganzes Korn, Schrot/Mehl, Kleie oder Öl

Beim Vermahlen des Kornes zu Mehl wird mehrfach abgesiebt. Neben den für die menschliche Ernährung genutzten Mehlen fallen die Nachmehle an, die als Futtermehle eingesetzt werden.

Kleie (auch Schälkleie) ist ebenfalls ein Getreidenachprodukt. Sie bleibt  nach Absieben des Mehles als Abfall zurück bzw. fällt beim Abschleifen der Schalen vom  Vollkorngetreide an. Kleie setzt sich zusammen aus den Schalen des Getreidekorns (Samenschale, Fruchtschale – NICHT die Spelzen!), der Aleuronschicht und dem Keimling, zusammen etwa 30% des ganzen Korns. In diesen 30% des Korns sind aber ca. 85% der Vitamine, 80% der Mineralstoffe, 60% des Proteins und 85% der Rohfaser enthalten. Das Verhältnis von löslichen (verdaulichen) zu unlöslichen (unverdaulichen) Rohfasern variiert von Art zu Art. Bei Haferkleie ist es ausgeglichen, Weizenkleie enthält nur 8% lösliche Rohfaser. Sie wirkt dadurch leicht abführend. Für Reiskleie habe ich keine Zahlen gefunden.

Neben Rohfaser, Vitaminen und Mineralstoffen sind in den Randschichten des Getreides (also in der Kleie) auch unerwünschte Inhaltsstoffe enthalten: Abwehrstoffe gegen Fraßfeinde (Phytin) und Verunreinigungen (Pestizide, Schimmelpilze). Phytin bindet im Darm Mineralstoffe und Vitamine und verhindert dadurch ihre Verwertung. Zu beachten ist der einseitig hohe Phosphorgehalt der Getreide (Ca:P 1) und das ungünstige (weil relativ enge) Verhältnis von Energie zu Eiweiß (Ausnahme: Mais).

Kleie besteht hauptsächlich aus den Nichtstärke-Kohlenhydraten Cellulose, Hemicellulose und Lignin. Kleie ist im Vergleich zum ganzen Korn reich an Rohfaser (8% – ganzes Korn 2%), an Protein und Phosphor (wodurch das Ca/P-Verhältnis in der Ration bei Kleiefütterung noch enger wird) und stärkeärmer.

Durch Extraktion mittels Lösungsmittel gewinnt man aus dem Getreide bzw. der Kleie das Pflanzenöl, das sich durch einen hohen Gehalt an ungesättigten Fettsäuren auszeichnet.

In der Pferdefütterung eingesetzt werden: das ganze Korn mit oder ohne Spelze (Hafer, Gerste), das angequetschte/gebrochene Korn (Mais, Hafer, Gerste), das Mehl oder genauer Futtermehl (Mais, Gerste, Weizen, Hafer, Reis) – meist in Mischfuttern, das Öl des Keimlings (Mais, Reis, Weizen, Hafer), die Kleie = Schale (nicht Spelze!) + Keimling (Weizen, Gerste, Hafer, Reis), Spelzen (Dinkel).

Reis als Haferersatz in der Pferdefütterung

Reisrispe - Wikipedia
Reisrispe – Wikipedia

Der Einsatz von Reisprodukten ist in den letzten Jahren aufgekommen. Reis wird als wird als gesunde Alternative für Hafer gehandelt in Fällen, wo es auf eine geringere Stärkezufuhr, mehr Energie und Muskelaufbau ankommen soll.

Reis hat einen geringeren Gehalt an verdaulicher Energie, einen deutlich geringeren Anteil an NfE  und das günstigere Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren im Fett. Ein verhältnismäßig hoher Anteil von Omega-3-Fettsäuren ist von Vorteil, weil dadurch die Synthese entzündungshemmender Prostaglandine gefördert wird und die Synthese entzündungsfördernder Prostaglandine gehemmt wird.

Reis ist wie alle Getreide lysinarm, enthält aber im Vergleich zu Hafer mehr Lysin (eine essentielle Aminosäure).  Bei der Verarbeitung in Mischfuttern (Hitzeeinwirkung!) ist zu beachten, dass sich die Proteinverdaulichkeit bei zunehmender Verbesserung der Stärkeverdaulichkeit verschlechtert! Dass es zu einer Schädigung des Lysins kommt, ist bekannt. Unterm Strich dürfte im geringfügig höheren Gehalt im Ausgangsprodukt hier kein Vorteil von Reis gegenüber Hafer liegen, da nur hitzebehandeltes Reismehl bzw. Reiskleie in Mischfuttern vorliegt und nativer Reis nicht verfüttert wird.

Reis hat einen geringeren Amyloseanteil, was (bezogen auf 100 g Stärke) einen höheren glykämischen Index bedeutet. Der insgesamt geringere Stärkeanteil mag das (was die glykämische Last angeht) ausgleichen. Außerdem kann der u.U. höhere Rohfasergehalt des Hafers die glykämische Last beim Hafer senken. Hier sehe ich keinen Vorteil von Reis gegenüber Hafer. Untersuchungen dazu gibt es nicht.

XP g/kg TM I XL g/kg TM I XF g/kg TM I  XX g/kg TM I DE MJ/kg TM

Hafer, Körner: 123 I 52 I 113 I 679 I 11,52
Hafer entspelzt: 150 I 66 I 24 I 737 I 13,8
Haferfuttermehl: 152 I 80 I 59 I 638 I 14,1
Haferschälkleie: 75 I 33 I 253 I 580 I 7,07
Reis, Körner: 93 I 23 I 109 I 710 I 12
Reisfuttermehl gelb: 147 I 180 I 104 I 454 I 12,3
Reisfuttermehl weiß: 148 I 153  I 57 I 554 I 13,4
extrahiert: 166 I 35  I 104 I 580 I 10,3

XP = Rohprotein, XL = Rohfett, XF = Rohfaser, XX = NfE, TM = Trockenmasse, DE MJ = verdauliche Energie in Megajoule

Reis hat ebenso wie Hafer einen relativ hohen Proteinanteil, der allerdings schlechter verdaulich ist. Nach den Tabellen der DLG liegt die Proteinverdaulichkeit von Haferfuttermehl bei 78%, bei Reisfuttermehl bei 73%. Schon beim Hafer reicht der Proteingehalt für Zuchtstuten und Fohlen nicht aus, für Sportpferde ist er zu hoch. Ob die um 5% geringere Verdaulichkeit hier einen entscheidenen Vorteil für Sportpferde bringt, sei dahingestellt.

Die Verdaulichkeit des Fettes liegt beim Haferfuttermehl bei 28%, beim Reisfuttermehl bei 50%. Die Verdaulichkeit der Rohfaser liegt bei Hafer bei 43% bei Reis nur bei 23%. Die Verdaulichkeit der NfE liegt bei Reis bei 77% und bei Hafer bei 86%. Insgesamt ist die Verdaulichkeit von Reis also schlechter was Stärke, Rohfaser und Protein angeht und wesentlich besser was das Fett angeht. Wobei man von einer Verbesserung der Stärkeverdaulichkeit im Mischfutter durch Hitzebehandlung ausgehen kann. Zur Reiskleie gibt es keine Angaben. Zu den Zahlen der DGE muss man sagen, dass ALLE Angaben zur Verdaulichkeit der Reisprodukte mit Hilfe von Regressionsgleichungen berechnet wurden, Versuche am Pferd fehlen. Beim Hafer gilt das für entspelzten Hafer und Futtermehl ebenso.

Für Reisfuttermehl weist die DLG einen Gehalt an verdaulicher Energie von 12,3-13,4 MJ/kg TM aus, für Haferfuttermehl von 14,1.  Hafer ist demnach in jedem Fall der quantitativ bessere Energielieferant. Reisfuttermehl liefert weniger Energie mit einem höheren Fettgehalt und einem niedrigeren Stärke- und Rohfaseranteil. Das Ca:P-Vehältnis ist beim Getreide generell ungünstig, beim Reis aber noch ungünstiger als beim Hafer!

Der Vorteil von Reis gegenüber Hafer hinsichtlich des Verhältnisses Omega-6-/Omega-3- Fettsäuren bleibt bei der Kleie (und beim Öl) in jedem Fall bestehen.

ƴ-Oryzanol aus dem Reis(keim)öl ist dopingrelevant. Hier gilt es, eine Wartezeit von 48 Std. einzuhalten. ƴ–Oryzanol wird als Alternative zu Steroidhormonen angepriesen und beworben als natürliche Alternative zu anabolen Steroiden, zur Verbesserung von Muskelkraft und –masse. Es wird angenommen (!), dass der Phytosterinanteil von ƴ-Oryzanol den Testosteronspiegel erhöht und die Ausschüttung von Wachstumshormonen stimuliert. Da sowohl Testosteron wie das Wachstumshormon einen Muskel aufbauenden Effekt haben, wurde daraus geschlossen, dass  ƴ-Oryzanol eine anabole Wirkung zugeschrieben werden könnte. Dafür gibt es aber weder beim Menschen noch beim Tier (Hund oder Pferd) einen wissenschaftlichen Nachweis!

Welche Mengen der Reisprodukte können verfüttert werden?

Offizielle Empfehlungen/Höchstmengen für die Verfütterung von Reismehl/-schrot oder –kleie gibt es nicht, da fehlen wohl die Erfahrungen und Untersuchungen. Sicherheitshalber könnte man für Reiskleie von den Empfehlungen für Weizenkleie ausgehen: nicht mehr als 0,2 kg/100 kg LM und Tag. Wegen des Stärkegehaltes gelten für Reisschrot/-mehl die gleichen Vorbehalte wie für alle anderen Getreidemehle: Sie schädigen die Magenschleimhaut. Wenn möglich sollte man darauf ganz verzichten. Wegen der geringeren Verdaulichkeit (die zu einer stärkeren Belastung des Dickdarms mit der Gefahr caecaler Azidose führt) dürfte die tolerierbare Menge eher in der Größenordnung von Gerste und Mais liegen mit 0,3 kg/100 kg LM und Mahlzeit als bei den 0,5 kg/100 kg LM die für Hafer angegeben werden.  Von praktischer Bedeutung ist das weniger, da nativer Reis nicht als Einzelfuttermittel sondern als Bestandteil von Mischfuttermitteln mit veränderter Verdaulichkeit verfüttert wird.

Für das Öl gilt das Gleiche wie für alle Öle: Bis 15% im Kraftfutter sind möglich. Bis zu 2,5 g/kg LM/Tag werden (Gewöhnung und Verteilung auf mehrere Mahlzeiten vorausgesetzt) gut toleriert.

Völlig falsch und irreführend ist die Werbeaussage einiger Futtermittelhersteller, dass ihr Reisprodukt bzw. Reis enthaltendes Futtermittel getreidefrei sei. Reis ist Getreide, Reiskleie ist ein Getreideprodukt. Reiskleie ist niemals frei von Stärkeresten.

Für jeden Vergleich gilt, dass Gleiches mit Gleichem verglichen werden sollte: Hafermehl mit Reismehl, Haferkleie mit Reiskleie, geschälter Hafer mit geschältem Reis etc.  Der Vergleich Hafer – Reis hinkt insofern, dass nativer Reis nicht eingesetzt wird, während Hafer durchaus unbearbeitet mit vielen Vorteilen gefüttert wird. Hafer muss auch nicht um die halbe Welt geflogen werden, um im Mischfutter im Trog zu landen.

Zu allererst sollte man sich die Frage stellen, was man mit einem speziellen Futtermittel im Rahmen der Rationsgestaltung überhaupt erreichen will. Was ist das Ziel und wie kann man es am besten erreichen? Braucht das Pferd das so verlockend beworbene Futtermittel überhaupt? Oder wird da eher der gesundheitsbewußte Besitzer bedient, der seinem Pferd etwas (in seinen Augen) Gutes tun will? Im Einzelfall erlaubt nur die Rationsberechnung eine Aussage über die Berechtigung eines (grundsätzlich geeigneten) Futtermittels als Rationsbestandteil.

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