Was der Impftiter über den Infektionsschutz aussagt

Kann man den Infektionsschutz am Antikörpertiter ablesen?

Das erklärte Ziel der Impfung ist es, durch Aktivierung des adaptiven Immunsystems eine Antikörperbildung auszulösen und so einen Schutz vor Erkrankung aufzubauen. Man liest, dass Infektionsschutz und Titerhöhe  nicht korrelieren, dass Infektionen trotz Antikörpern vorkommen und Infektionsschutz besteht auch ohne Antikörpertiter.
Was ist tatsächlich dran an den anscheinend widersprüchlichen Aussagen und welchen SInn machen Antikörperbestimmungen  zur Entscheidung über Impfintervalle?

Tatsächlich gibt es (fast) nichts, was es nicht gibt. Nur verallgemeinern darf man nichts. Was für eine Impfung/ein Impfserum gilt, gilt noch lange nicht für alle und was für ein Individuum gilt, gilt nicht für alle Impflinge. Außerdem ist vieles noch nicht im Einzelnen erforscht, weil manche Nachweise schwer zu erbringen sind. Ob eine Erkrankung ausbricht, hängt nicht nur nur von der Konzentration der Antikörper im Blut ab.

Der Titer erlaubt nur in sehr engen Grenzen und nicht für jeden Impfstoff eine Aussage über den Schutz

Infektionsschutz  trotz fehlenden Titers

Das gibt es tatsächlich. Das Immunsystem besteht ja nicht nur aus dem adaptiven System sondern eben auch aus einer angeborenen zellgebundenen und humoralen Abwehr vor Ort. Können Erreger direkt am Ort des Eindringens inaktiviert oder sogar am Eindringen gehindert werden, BEVOR der Mechanismus der adaptiven (IgG-)Antikörperbildung ausgelöst wird (bevor also  von differenzierten B-Lymphozyten spezielle Antikörper produziert werden), so kommt es weder zur Infektion noch zur Erkrankung oder Antikörperproduktion.. Das beobachtet man bei sehr gesunden/immunen Individuen. Auch ganz ohne Impfung oder bei tatsächlich fehlenden Titer kommt es dann nicht zur Erkrankung. Kann ein Errger schon vor Eintritt in den Körper neutralisiert werden, spielt der IgG-Titer keine Rolle. Ob das der Fall sein wird, kann man vorab nicht wissen.

Kein Titer aber Gedächtniszellen

Hatte das Individuum schon Kontakt mit dem Erreger/Impfstoff und hat das Immunsystem adaptiv mit der Bildung von IgG reagiert, kann sich das Immungedächtnis „erinnern“. Innerhalb kürzester Zeit startet die Produktion erregerspezifischer Antikörper bei erneutem Kontakt. Ein ursprünglich fehlender/niedriger Titer bedeute nur, dass keine Antikörper im Serum vorliegen, sagt aber nichts über die mögliche „Gedächtnisleistung“ bei wiederholtem Kontakt mit dem Erreger aus.
Leider sieht man dem fehlender Titer nicht an, ob das Immunsystem schon Kontakt mit dem Erreger hatte und das Immungedächtnis entsprechende Informationen abgespeichert hat!

Auch das gibt es: Titer ohne Schutz

Bedauerlicherweise korreliert die Höhe des Titers nicht bei allen Impfungen mit dem Grad des Schutzes. Niedriger Titer muss nicht gleichbedeutend sein mit hohem Infektionsrisiko und hoher Titer ist nicht gleichbedeutend mit gutem Schutz.

Bei bakteriellen Infektionen und Infektionen mit Protozoen (z.B. Leptospirose und Leishmaniose), läßt der Titer keinen Rückschluß auf den Schutzfaktor zu.  Hier wird auch kein langfristig stabiler Titer erreicht, womit man die jährliche Wiederholungimpfung begründet.  Im Einzelfall kann aber durchaus auch ein längerer und belastbarer Schutz bestehen.

Hat sich ein Erreger nach dem ersten Kontakt (natürlich oder Impfung) verändert, besteht möglicherweise überhaupt kein Schutz mehr.

Wird eine Infektion durch mehrere Serovare eines Erregers ausgelöst und werden nicht alle mit dem im Impfserum erfaßt, kann es trotz Imfpung immer noch zu einer Erkrankung kommen.  In diesem Fall – und auch wenn neue Erreger zu den altbekannten hinzukommen – besteht nur ein Teilschutz.

Bei Mischinfektionen wie Zwingerhusten und Katzenschnupfen, kommt es trotz Impfung zur Erkrankung, nur fällt diese weniger drastisch aus.  Eine Titerbestimmung  hat hier keine Aussagekraft.

Wurde in eine Immunsuppression hinein geimpft (chronische Erkrankung, Vorerkrankung, Behandlung mit Cortison oder NSAP), wird nur ein unzureichender Schutz mit unzureichendem Titer aufgebaut. Denkbar ist auch, dass die Gedächtnisleistung des Immunsystems dann vermindert ist und der Infektionsschutz nicht so lange anhält, wie gedacht.

Ein schwaches Immunsystem kann keinen ausreichenden Infektionsschutz aufbauen.

Auch eine schwache angeborene Abwehr kann  bei ausreichendem Titer zum Ausbruch einer Erkrankung führen. Der Erregerdruck ist dadurch wesentlich größer, es müssen größere Erregermengen von den Antikörpern neutralisiert werden.

Laufende Antikörperbildung ohne Antigenkontakt

Die Antikörperbildung wird ausgelöst durch Antigenkontakt. Antikörper (IgG) haben eine Halbwertzeit von 23 Tagen. Das heißt, nach 23 Tagen sinkt die Konzentration im Serum um die Hälfte.

Wenn Antikörper jahre- oder sogar jahrzehntelang nachweisbar sind und stabile Titer über Jahre aufrechterhalten werden, müssen also entweder immer wieder Antigene aus irgendwelchen Winkeln im Körper hervorgeholt werden (daran hat man lange geglaubt) oder aber die Halbwertszeit der Antikörper ist viel länger als man allgemeinhin denkt oder es gibt einen anderen Motor für die Antikörperbildung.

Plasmazellen (die die Antikörper produzieren) überleben in der Regel  nur wenige Wochen. In der Regel, weil es auch langlebige Plasmazellen gibt. Die konnten im Knochenmark nachgewiesen werden, wo sie ihre Überlebensnische gefunden haben. Sie sind die Erklärung für einen jahrzehntelangen bzw. langjährigen Schutz.

Impferfolg bei verschiedenen Hunde- und Katzenimpfungen beurteilen : Feline und Canine Parvovirose, Staupe, HCC

Hier läßt der Titer bzw. seine Höhe nach derzeitigem Erkenntnisstand der Schulmedizin direkten Rückschluss auf den Schutz zu. Ausschließlich bei diesen Erkrankungen/Impfungen macht es also Sinn, sich mit dem Impfintervall am Titer zu orientieren. Zum möglichen Impfschutz variieren die Angaben zwischen 3 Jahren und lebenslänglich.

Zur Bestimmung der Titer gibt es Schnelltests für die Tierarztpraxis, die natürlich Kosten verurachen. Dazu kommt der Stress der Blutentnahme für das Tier, sodass viele Besitzer doch lieber turnusäßig  impfen lassen.

Bei der Beurteilung und dem Vergleich vom Titern ist zu beachten, dass die Werte nach Labor und Methode differieren.

Soweit die Schulmedizin zu den Impfungen und der Aussagekraft der Titer. Es hat sich schon viel getan: die von der Ständigen Impfkomission  empfohlenen Impfintervalle werden immer länger.

Zum Schluß die Anmerkung, dass der Blick der Homöopathen auf die Impfung ein ganz anderer ist. Jede Impfung – ob angegangen oder nicht – wird als Auslöser einer iatrogenen Impfkrankheit (Vakzinose) gesehen, die akut oder chronisch sein kann und zu den verschiedensten Folgeerkrankungen führt. Mehr Informationen dazu gibt es im im Beitrag Impfungen und im Kurs Impfungen und Vakzinose.

Stellungnahme der Ständigen Impfkomission StIKoVet zur Impfung nach Antikörperbestimmung (19.10.2017)

Stellungnahme der Ständigen Impfkomission StiKoVet zur Leptospirose-Impfung (12.09.2016)

Impfempfehlungen der World Small Animal Veterinary Association WSAVA  (2015)

Hunde und Katzen richtig impfen: Eine Positionsbestimmung  (TA R. Rückert)

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