Hungern und Verhungern

Wann wird aus Nahrungsverweigerung oder Nahrungsentzug Verhungern? Oder aus Zwangsernährung eine Qual?

Das sind spannende Fragen. Ein grundsätzliches Bedürfnis des Menschen ist die Fürsorge für die Anbefohlenen. Wer kennt das nicht? Jemand – egal ob Mensch oder Haustier –  ist krank, vielleicht sogar lebensgefährlich oder sterbend und wir haben das nahezu unwiderstehliche Bedürfnis für Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme zu sorgen. Den Kranken wollen wir dadurch wieder auf die Beine bringen, bei Sterbenden wollen wir ein Verhungern und Verdursten verhindern, weil wir das von unserem Standpunkt des Gesunden aus als leidvolle Erfahrung sehen. Wir tun viel, ergreifen auch Zwangsmaßnahmen. Was ist im Einzelfall aber sinnvoll und nötig, was eine unnötige Quälerei?

Hungern  und Verhungern

Hungern ist der Zustand, wenn infolge eines Nahrungsmangels die Nahrungsaufnahme nicht zur Deckung des Bedarfs ausreicht. Verhungern ist definiert als ein Sterben aus Mangel an Nahrung. Der Übergang ist fliessend. Deckt die Nahrungsaufnahme den Bedarf nicht ab, reagiert der Körper nach einigen Tagen mit Anpassungen des Stoffwechsels. Diesen Vorgang nennt man Hungeradaption. Der Stoffwechsel stellt sich auf Katabolismus = Abbau um. Der Grundumsatz wird gesenkt und der Stoffwechsel verlangsamt sich. Der Körper muss bei Nahrungsentzug die notwendige Energie zum Erhalt wichtiger Körperfunktionen aus seinen Energiespeichern gewinnen, aus dem in Leber und Muskulatur gespeicherten Glykogen, aus den Fettspeichern und den Proteinen der Muskulatur. Im weiteren Verlauf wird das Baufett der Organe angegriffen und Organstrukuren werden abgebaut. Die Glykogenreserven können bestenfalls einen Tagesbedarf an Energie decken, die Fettreserven aus den Fettdepots können je nach Umfang der Depots für mehrere Wochen reichen. Solange die Organe nicht geschädigt sind, sind die Vorgänge reversibel. Haben sich Organe zurückgebildet, kommt es zu Funktionsausfällen und irreparablen Schäden.

Durch den Eiweißmangel können weder Körperstrukturen noch Enzyme oder Blutproteine (Albumine und Globuline) erneuert werden. Die Abwehr versagt und es kommt zur Bildung von Ödemen. Es kommt außerdem zu einem Mangel an anderen essentiellen Nähr- und Wirkstoffen. Je geringer die Restmenge an Nahrungsaufnahme, desto ausgeprägter sind die Effekte des Hungerstoffwechsels. Am gravierendsten sind die Veränderungen, wenn die Nahrungsaufnahme ganz eingestellt wird. Da diese Situation für den Organismus Stress bedeutet, kommt eine Erhöhung des Adrenalin– und Kortisolspiegels hinzu.

Kachexie – krankhafte sehr starke Abmagerung

Egal ob absichtlich herbeigeführt zum Abbau von tatsächlichem oder vermeintlichem Übergewicht oder als “Nebenwirkung” einer Erkrankung oder wegen Appetitlosigkeit, als Folge von Durchfall oder Erbrechen:  werden bestimmte (Unter-)Grenzen über- (oder besser gesagt unter-) schritten, ist eine Abmagerung krankhaft. Man spricht dann von Kachexie oder Auszehrung. Die Kachexie ist durch den Abbau von Muskelmasse und Organstrukturen  gekennzeichnet und führt unbehandelt unweigerlich zum Tod. Aber nicht jede Kachexie kann erfolgreich behandelt werden!

In Abhängigkeit von der Erkrankung oder den Umständen, die die Kachexie ausgelöst haben, spricht man von Tumorkachexie, Unterernährung, kardialer Kachexie, pumonaler Kachexie und Kachexie durch Malassimilation, Maldigestion oder Malabsorption bei Ekrankungen des Magen-Darm-Traktes oder von seniler Kachexie.

Woran erkennt man eine Auszehrung? Extreme Abmagerung, Knochenvorsprünge sind nicht mehr abgepolstert, Rippen und Wirbelsäule sind sichtbar, Muskulatur abgebaut, Haut und Knochen,

Erhöhte Blutfettwerte bei Abbau der Fettdepots

Beim Abbau des Körperfetts fallen viele Fettsäuren an.  Es kommt zu einer Hyperlipidämie, einem Anstieg der Blutfettwerte. Die Verbrennung der Fettsäuren ist Aufgabe der Leber, die je nach Ausmaß des Fettabbaus damit überfordert sein kann. Und zwar umso eher, je fetter das Individuum ist und je höher sein Energiebedarf ist. Schlimmstenfalls resultiert aus der Hyperlipidämie eine degenerative Verfettung der Leber. Besonders gefährded sind Ponys aber auch Hunde und Katzen können in diese Situation kommen, weswegen man drastische Gewichtsabnahmen insbes. bei übergewichtigen Tieren vermeiden sollte.

Krankheitsbedingte Inappetenz und konsumierende Erkrankungen

Nahrungsaufnahme und -verwertung sind energiefordernde Vorgänge, die den Verdauungstrakt, Leber und Nieren belasten und bei Krankheit zurückgeschraubt werden, insbesondere wenn diese Organe direkt betroffen sind. Hungergefühl und Appetit sind zurückgefahren oder ganz aufgehoben. Das Durstgefühl bleibt meist erhalten. Was kurzfristig sinnvoll ist, kann bei längerer Dauer in eine Kachexie münden.

Es gibt auch Erkrankungen, die durch Stoffwechselumstellungen den Appetit vermindern und die Vorlieben beeinflussen oder den Bedarf so sehr erhöhen, dass er über die Nahrungsaufnahme selbst bei erhaltenem Appetit nicht gedeckt werden kann. Letzteres ist bei den sog. konsumierenden Erkrankungen (z.B. Krebs) der Fall.

Zwangsernährung und künstliche Ernährung

Von einer Zwangsernährung spricht man immer dann, wenn eine selbstständige Nahrungsaufnahme verweigert wird oder unmöglich ist und die Nahrung unter  Zwangsmaßnahmen eingegeben wird. Voraussetzung für eine erfolgreiche orale Zwangsernährung ist, dass abgesehen vom mangelnden Appetit alles rund um die Verdauung grundsätzlich funktioniert. Sonst wird eine Quälerei für das Tier daraus. Das Futter wird in breiig bis flüssiger Form in die Maulhöhle gegeben. Dabei darf der Kopf nicht zu sehr nach hinten überstreckt werden und die Einzelportion darf nicht größer sein als das Fassungsvermögen der Maulhöhle um Verschlucken und Aspiration zu vermeiden. Der Schluckvorgang ist zu kontrollieren. Bei allen Pflanzenfressern ist die ständige Futteraufnahme mit ausreichend Ballaststoffen sehr wichtig, weil die Verdauungstätigkeit durch Absterben der Darmbakterien sonst sehr schnell zum Erliegen kommen. Der zeitliche Abstand zwischen 2 Mahlzeiten sollte einige Stunden keinesfalls überschreiten.

Bestehen Schluckbeschwerden oder Störungen von Verdauung und Resorption, wird eine künstliche Ernährung nötig, um den Nährstoffbedarf zu decken. Grundsätzlich kann diese über eine Magen – oder Dünndarmsonde oder intravenös erfolgen. Von enteraler künstlicher Ernährung spricht man bei einer Sondenernährung, von parenteraler Ernährung (unter völliger Umgehung des Magen-Darm-Traktes) bei intravenöser Zufuhr von Nähr- und Wirkstoffen. Über eine Sonde kann normales Futter in breiig-flüssiger Form zugeführt werden, parenteral dürfen nur niedermolekulare Nährstoffe in wässriger Lösung verwendet werden. Alles muss so infundiert werden, wie es im Blut nach Verdauung, Resorption und Durchlaufen des enterohepatischen (Darm-Leber-) Kreislaufs im Blut vorliegen würde: Aminosäuren, mittelkettige Triglyceride, Glucose, Vitamine, Elektrolyte, Wasser.

Was ist wann sinnvoll?

Zur Aufrechterhaltung der Verdauungsvorgänge beim Pflanzenfresser macht die orale Zwangsernährung schon nach einigen Stunden ohne Nahrungsaufnahme Sinn – vorausgesetzt, die Verdauung funktioniert. Hund und Katze können ohne Probleme bis zu 3 Tagen fasten, ohne dass man sich Gedanken machen müßte. Einige Tage mit Erbechen und Durchfall werden – vorausgesetzt eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme (evtl auch subkutan) – vom erwachsenen Tier ohne Nachteile toleriert.

EIne Hyperlipidämie kann man durch orale Zwangsernährung, über Sonde oder intravenöse Zuckerlösung verhindern, indem man die Energiebilanz verbessert und so den Fettabbau bremst.

Bei refraktären Kachexien oder Kachexien in der terminalen Sterbephase lassen sich die Beschwerden des Patienten nicht mehr über Maßnahmen wie die künstliche Ernährung lindern. In dieser Phase kann also keine sinnvolle Behandlung der Kachexie mehr stattfinden. Ganz im Gegenteil würde sie zu einer unnnötigen Belastung mit Flüssigkeit führen (Wassersucht!).

Abwehr und Wundheilung leiden bei Unterernährung, was gerade bei vorübergehenden schweren Erkrankungen oder in Anfangsstadien nicht hingenommen werden sollte. Hier ist eine ausreichende Proteinzufuhr wichtig, eine Zuckerlösung schafft da keine Abhilfe.

Das ist der Rahmen, in dem man sich bewegt: Hindernisse/Störfelder umgehen, so wenig Zwang wie möglich ausüben und so viel wie nötig, um die Folgen vorübergehende Erkrankungen/Störungen abzufangen, bei konsumierenden Erkrankungen bzw. Krankheiten ohne Aussicht auf Heilung und im Endstadium auf alle Zwangsernährung verzichten.